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10 Thesen zum Erfahrungshorizont nach dem 1. Kurs

Vor dem Hintergrund diverser Lehrveranstaltungen unter Nutzung von Web 2.0-Technologien und sozio-kultureller Praktiken, repräsentiert GBE unser erstes berufsbegleitendes Weiterbildungskonzept im 2.0-Kontext. Während sämtliche Anforderungen im formalen Hochschulumfeld benotet werden müssen, um (extrinsische) Motivation zu forcieren, basiert unser konzeptionelles GBE-Selbstverständnis auf der intrinsischen Motivation einer freiwiligen Weiterbildung. Wir möchten hier 10 Thesen präsentieren, wie sie sich zum jetzigen Zeitpunkt uns darstellen und die u.E. für weitere Learning 2.0-Settings interessant sein könnten. Dabei unterscheiden wir zwischen grundsätzlichen Überlegungen, die sowohl die Aus- wie Weiterbildung betreffen, und solchen Erfahrungen, die speziell im freiwilligen Weiterbildungsbereich relevant erscheinen.

Inhaltsverzeichnis

A L L G E M E I N

Umdenken des klassischen Identitätsbegriffes mit geistigem Eigentum erforderlich

Identität ist das zentrale Momentum, um das die individuellen Schwierigkeiten bei der persönlichen Nutzung von Web 2.0 kreisen. Die größte Hürde stellt dabei die Überwindung der privaten Schallmauer dar. Aufgrund des einstmals vollzogenen Strukturwandels der Öffentlichkeit leben wir ein spezifisches Verständnis von Privatheit, das sich eindeutig von dem beruflichen oder öffentlichen Handeln unterscheidet. Insofern wir im kartesianischen Denken das geistige Eigentum als zentrale Instanz unserer persönlichen Kreativität begreifen, will das kollaborative 2.0-Credo "Create - Co-create - Re-create" als Unrechtmäßigkeit erscheinen, obwohl das persönliche Urheberrecht unverkäuflich ist. Aber genau mit diesem geschlossenen individuellen statt sich fortentwickelnden kollektiven Identitätsbegriff schützen die 1.0-sozialisierten Personen ihre Ideen gegenüber anderen, die diese Idee "klauen" - will heissen: die Reputation für sich beanspruchen - möchten. Der Mehrwert einer kollaborativen Teilhabe wird zunächst nicht erkannt. Vielmehr belächelt man altruistische Kollektivisten.

Der Kult des Amateurs erfordert ein neues Selbstbewußtsein: JedeR hat etwas zu sagen!

Gleichwohl partizipieren alle gerne an den Erfolgsgeschichten des Web 2.0. Gute Blog- oder Wikibeiträge werden gerne genutzt - nur bitte ohne sich selbst einzubringen. Der klassische 2.0-Aktivitätsindex: Auf 1 Produzenten kommen 10 Aggregatoren und 100 Konsumenten setzt sich auch in geschlossenen Kurssettings weiter fort. Dabei werden gerne sicherheitsrelevante Bedenken als Argumentation herangezogen, damit man sich eben nicht an kollaborativen Web 2.0-Tools aktiv beteiligen muss. Zwar will auch uns die Debatte zu Web-Sicherheit und -Identität als die entscheidende Weichenstellung Richtung aktiver Dynamik des 2.0-Marktes erscheinen. Neben diesen datenschutzrechtlichen Bedenken muss die unveräußerliche Identität des Einzelnen gestärkt und die Intelligenz des Amateurs als Wert sich durchsetzen. Hier muss sicherheits-, bildungs- und kulturpolitisch gewirkt werden, um optimale Rahmenbedingungen zu schaffen.

Neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit erforderlich

In diesem Zusammenhang muss auch die generelle Scheu vor öffentlicher Selbstreflexion eingeordnet werden. Sämtliche ePortfolio-Ansätze basieren auf der Vorstellung, die Entwicklungsdynamik der Person aufzuzeigen. Generelles Argumentationsmuster gegen die Anlage eines öffentlich zugänglichen, persönlichen ePortfolios ist das fortwährende Gedächtnis des Netzes. Zwar ist es richtig, dem einzelnen Selbstbestimmungsrecht des Nutzers es zu überlassen, welche persönlichen Informationen im Netz verfügbar gehalten werden (gleichzeitig entsprechende e-Alphabetisierung vorzunehmen, um Heranwachsende vor den Weiten des Netzes zu warnen). Warum aber das Gros der Menschen ein regelrechtes Unverständnis gegenüber der 2.0-Motivation mitbringen, kann nur darauf zurückzuführen sein, dass sie den Mehrweit des Social Webs einfach noch nicht selbst erfahren haben. Nur der kontinuierliche aktive Austausch mit anderen, mitunter völlig fremden Personen bringt einen intellektuell weiter. Wer dieses Potenzial des neuen Webs nie erlebt hat - nicht als Zuschauerin, sondern als Akteurin-, der wird die kommunikative Tiefe des Netzes nicht begreifen können.

Social Web bedeutet Social Active Web - passive Teilhabe ist nicht social

Genau an diesem Punkt muss der Schalter betätigt werden - zum aktiven Gebrauch von Social Bookmarking, Social Networks und Social Software. Ein abstrakter, theoretischer Zugang ist nicht möglich, da der sozio-kulturelle Umbruch keine Nahtstelle zum bisher Erlebten aufweist. Der Mehrwert muss einmal persönlich erfahren werden - dann ist die Person für das Web 2.0 gewonnen.

Lernziele stecken in uns - You are Web 2.0

Und dann ist die Überwindung des Rollenkonzeptes im Learning 2.0 auch nachvollziehbar. Angesichts unserer gängigen linearen Sozialisation (Bildung, Film, Bücher, Artikel etc.) wird das Fehlen einer führenden Hand als mangelndes didaktisches Konzept wahrgenommen, weniger als offenes didaktisches Design, dessen Triebfeder die persönlichen Lernziele darstellen. Dabei liegt die Krux im Wesen der fehlenden 2.0-Erfahrung begründet: Da man nicht wisse, welche Lernziele man eventuell verfolgen könne, formuliert man gleich gar keines - und wartet derweil auf ein mögliches Lernziel durch den (non-existenten) Lehrenden.

Führungsarbeit im Rotationsverfahren - oder wie Arbeitsgruppen funktionieren könnten

Diese Orientierung auf den "Lehrenden" offenbart dabei merkwürdige Züge. So funktionieren sämtliche offenen Diskussionen nicht bei Teilnahme des "Lehrenden" - vielmehr lauschen alle dem (vermeintlich abschließenden) Wort des Lehrkörpers anstatt diesen als gleichberechtigten Mit-Diskutanten zu akzeptieren und auch zu behandeln. Forenbeiträge enden fast immer mit einer Aussage des "Lehrenden". Insofern stellen auch moderierte Online-Arbeitsgruppen eine Herausforderng für den Moderator (= Lehrenden) dar. Die Initiative wird immer von dieser Leitfigur erwartet - selten vermag sich eine eigen-dynamische AG-Entwicklung unabhängig vom Initiator entfalten.

Synchrone Termine sind social - nur wer organisiert diese Termine?

Entsprechend erfreuen sich synchrone Termine einer großen Beliebtheit. Liegt es an der Möglichkeit, sich im Lean-Back-Verfahren TV-like zu informieren mit der Option, sich ggf. aktiv per Textchat oder Voicecall einzubringen? Oder liegt es an der Notwendigkeit, die anderen Community-Teilnehmer/innen zu erleben - und sei es nur passiv virtuell? Die Resonanz auf regelmäßige Audio-/Videokonferenzen und die Option der (virtuellen oder realen) Teilhabe an Präsenzworkshops ist beeindruckend - vielleicht aber auch ein Hemmfaktor die kollaborativen 2.0-Aktivitäten betreffend? Schließlich tritt in diesen synchronen Terminen schon alleine aus organisatorischen Gründen die alte Rollenverteilung in den Vordergrund. Das Event wird organisiert - die Teilnahme ermöglicht den passiven Genuss. Vielleicht müssen kommende Veranstaltungen in Kooperation mit den Teilnehmer/innen organisiert werden? Setzt allerdings wieder ein pädagogisierendes Moment voraus ...

W E I T E R B I L D U N G

Vorteil offener Lernsettings: Intrinsische Motivation lässt Teilnehmer/innen regelmäßig wiederkehren

Es ist ein altes Problem und Phänomen: Intrinsische Motivation kann nur schwer aufrecht erhalten werden - zumal wenn sie sich primär asynchron abspielt bzw. in Lernsettings, die ohne Sanktionen (z.B. Aufgaben) funktionieren soll. Die Verbindlichkeit des individuellen Handelns geht verloren - das anonyme Abtauchen im kollektiven Geschwader ist eine natürliche Reaktion. Gleichzeitig kann beobachtet werden, dass durch das Fehlen eines standardisierten Bearbeitungsstandes die regelmäßige Wiederkehr zur Community erleichtert wird. Während in vergleichbaren Situationen die ein oder der andere Teilnehmer/in den Kurs abbrach (weil die aufeinander aufbauenden Aufgaben den Anschluss abreissen liessen), kann in solch offenen Umgebungen eine emotionale Bindung an den Kurs konstatiert werden. Einzig im kleinteiligen Bearbeiten einzelner Aufgabenempfehlungen fehlt zumeist die intrinsische Motivation.

Forderung nach extrinsischen Aufgaben trotz Lernerfolgs

Insofern ist eine wiederkehrende Forderung einzelner, besonders schwer sich intrinsich motivierender Personen, mittels kontinuierlicher Aufgaben durch die Social Tools geführt zu werden. Bislang kamen wir diesen Wünschen nicht nach, da wir nach Wegen suchen, die intrinsische Motivation i.S. des kollaborativen 2.0-Denkens zu fördern. Trotzdem konnten bislang alle Teilnehmer/innen von überraschenden Lernerfolgen berichten. Bei der Selbstreflexion des Vorher/Nachher konnten sich alle Beteiligten positiv weiterentwickeln.

Kommunikationsscheu im virtuellen Raum höher als im physischen Raum

Eine weitere interessante Erfahrung hinsichtlich der Anfrage externer Fachexpert/innen, die im Rahmen der regelmäßigen synchronen Online-Termine vorgestellt und diskursiv befragt werden sollten. Die Absagen erfolgen oft auf der Basis zumeist vorgeschobener Gründe. Uns will es so erscheinen, es herrscht auch dort eine Scheu vor Virtual Classrooms vor - sicherlich begründet in der mangelnden Erfahrung. Im übrigen will es uns erscheinen, als wären Frauen in diesem Kontext aufgeschlossener als ihre männlichen Kollegen.

Persönliche Werkzeuge